MUSTANG

 The Last Forbidden Kingdom
von Tatopani nach Lo Manthang

 

 

 

 Hängebrücke Kali Ghandaki

 Apfel und Aprikosenplantagen - Kali Ghandaki, Annapurna

  Chörten, Upper Mustang, Nepal

 rote Drachenwand, Upper Mustang

Landschaft im Trans Himalaya, Upper Mustang, Nepal 

 Yamda La (Soi Pass) mit 4.000 m, Upper Mustang, Nepal

 Lo Mantang, Nepal

 Gasthaus in Lo Mantang

Einheimische in Lo Mantang 

  

Reisebericht 05.04. – 28.04.08

Teil 2 meiner Nepal-Reise vom 18.03. bis zum 28.04.2008

 

 

Vorwort

 

Im Frühjahr 1998, habe ich Govinda kennen gelernt, der mich mit meinen damaligen Begleitern Monika, Joachim, Bernd und Bernhard ins Langtang führte und von dort über Gosainkund und Helambu zurück nach Kathmandu (Bericht). Zu diesem 10-jährigen Jubiläum war ursprünglich eine Wiederholung dieser Tour geplant, die inzwischen auf den Herbst dieses Jahres verschoben ist.

 

Ausgelöst durch die berechtigten Proteste der Tibeter im Zuge der bevorstehenden Olympiade in Peking, dessen gewaltsame Beendigung, Ausweisung aller Ausländer und bis heute noch immer bestehendem Einreiseverbot für ausländische Touristen nach Tibet, lag der Gedanke nahe eine Alternative zu finden. Die Wildnis des tibetischen Hochlandes, verbunden mit realer tibetischer Kultur, zu erleben, versprach eine Tour nach Lo Manthang, auch „Klein Tibet“ Nepals genannt. Durch Zufall, fand sich mit Thomas aus Münster der notwendige zweite Mitreisende, um diese Tour Realität werden zu lassen.

 

 

 

© Klaus Töpfer

HIMATREK

Gelsenkirchen, Juni 2008

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19. Tag - 05.04.2008

 

Nach knapp 2 Wochen Sightseeing im Kathmandutal und einigen Tagen in Pokhara, die ich gemeinsam mit Dorlis verbrachte (siehe 1. Teil), geht es nun endlich los. Der Tag begrüßt uns mit herrlich klarem Wetter und einer phantastischen Sicht, die wir in den zurück liegenden Tagen vermissten. Majestätisch erheben sich Machhapuchare und die Wand des Annapurna South vor uns. Knapp vier Stunden dauert die Fahrt, schließlich auf holpriger Schotterpiste entlang des Kali Ghandaki bis nach Beni. Mit uns, Thomas, Govinda und mir, ist seit heute Mike unser Träger dabei. Die übrige Mannschaft (Guide und Küchenteam) ist mit Zelten, Küchenausrüstung usw. bereits voraus, um in Jomsom bzw. Kagbeni die noch erforderlichen Einkäufe zu tätigen. Ebenso sind dort noch Träger anzuheuern oder aber Mulis mit Pferdetreiber.

 

Von Beni ist die Straße inzwischen bis kurz vor Tatopani, der Abzweigung hinauf nach Ghorepani fertig gestellt. Im Jahre 1999 bin ich mit Dorlis, Govinda und Karma (damals noch Träger, heute der beste Koch Nepals) von Beni aus gelaufen. An der Lodge „Hotel River Side“, in welcher wir übernachteten, fährt man nun mit dem Auto vorbei. Erst als Govinda mich darauf aufmerksam macht und den ursprünglichen Zustand erklärt, vermag ich in etwa diesen Ort wieder zu erkennen. Hingegen sind die kleine Lodge, wo Karma der Hausfrau beim Mahlen des Chili half, und der romantische nahe gelegene Wasserfall dem Straßenbau zum Opfer gefallen.

 

Etwa 30 Minuten benötigt man heute noch zu Fuß von der Endstation für Busse und Taxi bis nach Tatopani. Von hier bis hinauf nach Kagbeni und Muktinath ist die Straße nur eingeschränkt befahrbar bzw. es sind nur lizenzierte Himalaya-Safari-Taxis (Jeeps) zugelassen. Mit welcher Eile und daher recht ungesichert der Straßenausbau voran getrieben wird, zeigt nach wenigen Metern das Bild eines fast in den Kali Ghandaki gestürzten Busses. Der Fahrer wollte einem herabstürzenden Gesteinsbrocken ausweichen. Von den oft bis zur Senkrechte aufragenden Felswänden löst sich immer wieder Gestein. Bei Regen, der gerade wieder einsetzt, werden die unbefestigten Böschungen unterspült, Stein und Geröll hinab geschwemmt. Zur Monsunzeit werden sich in diesem Bauzustand noch einige Tonnen in Bewegung setzen.

In der sehr komfortablen Dhaulagiri Lodge, Zimmer mit Bad, beziehen wir Quartier. Ein Rundgang durch den Ort weckt Erinnerungen an vergangene Zeiten. Drei mal war ich bereits hier, 1996, 1999 und 2000. Vieles hat sich geändert, doch vieles ist auch noch wie früher, wie der weitere Weg in den kommenden Tagen zeigen wird. Auf ein Bad in den „Heißen Quellen“, das mehr und mehr einer Badeanstalt gleicht, verzichten wir. Unsere Lodge als auch die gegenüber liegende namens Hotel Himalaya, wo wir in den Jahren 1999 und 2000 übernachteten, sind mit Gruppenreisenden voll belegt. Es ist Hochsaison im Annapurna! In der Nacht um 4 Uhr reißt uns ein heftiges Gewitter aus den Schlaf. Die auf das Blechdach prasselnden Regentropen dröhnen von dort oben wie 100 unermüdliche Trommler.

 

20. Tag - 06.04.2008

 

... und es regnet weiter in Strömen. Nach dem Frühstück kaufen wir 2 Regenschirme; besser als unter einem Kep zu schwitzen und von innen her nass zu werden. Vor uns ist bereits eine etwa 20-köpfige deutsche Gruppe des Veranstalters „Aktivferien“ im Gänsemarsch unterwegs, ein Guide vorne, ein Guide hinten. Es wird nicht lange dauern und die Grüppchen haben sich gebildet. Um nicht in der Karawane mitlaufen zu müssen, schalten wir einen Gang hoch und sputen vorbei. Bis hinter Dana, wo der Rukse Khola als gewaltiger Wasserfall die schroffe Felswand hinunter stürzt, müssen wir der neuen Straße folgen. Nun können wir hinüber auf den alten Wanderweg wechseln, der bis Ghasa hinauf führt. Immer noch hängen dunkle Regenwolken dicht über uns, die sich beständig entleeren. Dem nasskaltem Wetter entfliehen wir zu Mittag in eine kleine urgemütliche Lodge, wo wir in den Genuss einer landestypischen, frisch zubereiteten, Nudel-Gemüsesuppe kommen. Kurz darauf betreten wir den Bezirk Mustang, hier das  „Lower Mustang“, das zum Annapurna Nationalpark gehört.

 

Gegen 15 Uhr haben wir die Höhe von 2.000 m überschritten, die Siedlung Ghasa durchquert an dessen nördlichen Ausgang sich die mir gut bekannte Florida Lodge befindet

 

21. Tag - 07.04.2008

 

Good morning sunshine! Welch ein Panorama auf dem Weg nach Kalopani. Eingezwängt zwischen Dhaulagiri und Tukuche Peak im Westen und Annapurna I, Nilgiri im Osten durchschreiten wir die tiefste Schlucht der Welt. Von hier am Flussbett des Kali Ghandaki bis hinauf in die eisigen Höhen sind es 6.000 m. Unter strahlend blauem Himmel ziehen Adler in luftiger Höhe ihre Kreise. Wir durchbrechen den Hauptkamm des Himalaya und nähern uns langsam der „tibetischen“ Hochebene. Ab hier befinden wir uns mehr und mehr im Monsunschatten und so sollten wir den Regen hinter uns gelassen haben. Wie bereits gestern sind einige Touristengruppen, als auch Individual-Trekker unterwegs. Nur wenige kommen uns entgegen, da die meisten zum Abschluss der Tour von Jomsom nach Pokhara zurück fliegen.

 

Kurz vor Kalopani können wir wieder den Fahrweg, der in diesem Abschnitt nur von einigen wenigen zugelassenen Jeeps frequentiert wird, verlassen und auf den alten Handelsweg ausweichen. In einigen Serpentinen geht es zunächst steil hinauf, dann gemütlich weiter. Bevor wir das erste weite, kiesgefüllte Flussbett des Kali Ghandaki durchqueren müssen, erreichen wir Lete. Hier begegnen wir den ersten Mulikarawanen, ursprünglich das einzige Transportmittel auf der alten Salzstraße zwischen Indien und Tibet. Vermehrt werden diese durch Traktoren, zumindest zu den Apfel- und Aprikosen-Hainen bis hinauf nach Marpha ersetzt. Einige fromme Pilger aus Indien sind zu Fuß auf dem Weg nach Muktinath oder kehren von dort zurück. Für Hindus ist Muktinat ein gleich bedeutendes Heiligtum wie Pashupatinath. Andere nehmen bereits den Safari-Bus, meist ab Jomsom (Flughafen).

 

Von Süden nähert sich eine schwarzdunkle Regenfront. In Pokhara bis hinauf nach Ghasa werden wohl wieder Blitz, Donner und Regen ihr „Stell-dich-ein“ geben. Wir stolpern durch das steinige und sandige Kiesbett weiter gen Norden, denn unsere Schuhe sind auf diesem Untergrund noch nicht richtig eingelaufen. Jedoch erhalten wir kräftige Unterstützung durch den heftigen Wind, der uns seit Mittag aus Süden voran treibt. Da es auch hier in den letzten Tagen geregnet hat, ist der Untergrund feucht und der sonst übliche Staub bleibt uns erspart.

 

Willkommen in Tukuche, in der gepflegten Laxmi Lodge. Gegenüber ist Hochbetrieb (Wandergruppen). Allein zu Viert genießen wir mit der Familie in der Küche den Abend. Die Akkus unserer Fotoapparate werden oben im Zimmer und im Gastraum gefüttert. Wir erfreuen uns der leckeren Apfelmomos mit Vanillesauce während Röstis mit Spiegelei bereits in der Pfanne brutzeln.

 

 

22. Tag - 08.04.2008

 

Mit Rückenwind marschieren wir weiter den Kali Ghandaki hinauf. In Marpha blühen die Aprikosenbäume, die Apfelbäume stehen kurz davor. Marpha ist bekannt für seine um 2.600 m hoch gelegenen Obstplantagen und auch den daraus destillierten Obstbränden. In der historischen Innenstadt haben wir die Möglichkeit unsere Trinkflaschen preiswert (ca. 50 Rupien/l) mit sauberen Wasser aufzufüllen. Entlang aller Wege im Annapurna ist mittlerweile ein fast vollständiges Netz der Trinkwasserversorgung für Touristen entstanden. Dank, u.a. der Initiative von KEEP, ist jeglicher Plastikmüll vermeidbar.

 

Auch heute können wir überwiegend abseits der Hauptstraße wandern, auf der lauffaule Touristen und Pilger sich per Jeep nach Muktinat und zurück transportieren lassen. Zur Mittagzeit ereichen wir Jomsom. Früher meine Wild-West-Stadt, heute gepflastert und gleich am Anfang lädt uns ein Internet Cafe zum Besuch ein. Hier rufe ich mit einer sehr schnellen Verbindung meine Emails ab, erfahre das Schalke 04 1:0 gegen Rostock gewonnen hat, nun Zweiter der Tabelle ist und Dorlis wohlbehalten zu Hause angekommen ist. Auf meinen Gruß an die Lieben daheim, empfang ich bereits 10 Minuten später Grüße von meinem Sohn Tim aus Gelsenkirchen.

 

Hier in Jomsom besteht die letzte Möglichkeit zu einer meisterlichen Rasur. Nachdem meine Gesichtsstoppeln entfernt sind, vertraut sich auch Thomas dem Geschick des Meisters und seiner scharfen Klinge an. Govinda möchte, aber er darf nicht. Sein Bart muss weiter wachsen für die nächste Rolle im Film als .... (hab es vergessen).

 

 

Beständig weht der Wind aus Süden. Die Luftmassen werden durch das Tal, wie durch einen Kamin, ab mittags von der sich erwärmenden tibetischen Hochebene angezogen. Mit einem Schlag ist die Landschaft wüstenhaft. Waren da noch vor ein paar Kilometern die blühenden Obstplantangen, so betreten wir karges, wüstenähnliches Gebiet. Wir sind froh, nicht gegen den Wind und Staub ankämpfen zu müssen, wie die meisten Rückkehrer aus Muktinath zum Abschluss der Umrundung der Annapurna oder zurück vom einfacheren Jomsom-Trek. Der Kali Ghandaki schlängelt sich mit den Resten seines zu dieser Jahreszeit vorhandenen Wassers einsam durch das weite Flussbett.

 

In Eklobhatti kommt uns Chabi entgegen, der mit uns als Assistent auf Tour gehen wird. Nicht nur für Thomas und mich ist Mustang Neuland, sondern auch für Govinda, bzw. HIMATREK. In Kagbeni eingetroffen, lernen wir unser Team für die kommenden Tage kennen. Naina, der bereits als Assistent einige Male in Mustang war, wird die Führung übernehmen. Shiva wird als Koch mit seinen Gehilfen Raj, Beeg und Kamal in den kommenden Tagen für unser leibliches Wohl sorgen. Als Träger für unser persönliches Gepäck ist weiterhin Mike dabei. Heute Abend wird ein hervorragendes Dhaal Bhaat serviert. Danach können wir noch einmal im weichem Bett schlafen. Morgen werden wir das unbekannte und geheimnisvolle Königreich Mustang betreten.

 

23. Tag - 09.04.2008

Vor unserem Quartier warten 5 Mulis, die mit der erforderlichen Ausrüstung (Zelte, Küche, Verpflegung) beladen werden. Die Mitnahme ist Pflicht und wird am Grenzposten bei der Einreise als auch bei Ausreise (Rücknahme des Abfalls) strengstens kontrolliert und protokolliert. Erst seit 1991 ist Mustang für ausländische Besucher zugänglich, damals nur in Begleitung mit einem Polizeioffizier. Weiterhin ist die Zahl der Besucher auf etwa 1.000 Personen/Jahr beschränkt. Im ehemalig selbstständigen Königreich Mustang leben etwa 13.000 Menschen, die Lopas. Bis zur Annektierung Tibets durch China, war der Weg durch das Tal des Kali Ghandaki über den nur 4.660 m hohen Kora La nach Tibet ein blühender Handelsweg. Die Salzstraße deren Geschichte weit in die Vergangenheit zurück reicht. Verfallene Burgen, Festungen und Klöster sind Zeugen dieser glanzvollen Vergangenheit. So lange der Grenzübergang nach Tibet geschlossen war, stand den einheimischen Lopas nur der Weg nach Süden offen, um in Nepal und Indien Geld zu verdienen. Bis vor kurzem war die Grenze nach Tibet wieder geöffnet, momentan erst einmal geschlossen. Eine Straße wird von chinesischer Seite voran getrieben. Lo Manthang ist bereits von Tibet mit dem Auto erreichbar und die Hauptstadt Mustangs wird mit chinesischen Waren bereits gut versorgt.

 

Bevor wir die Grenze in die „restricted area“ überschreiten, besuchen wir das alte Kloster in Kagbeni, bitten um eine erfolgreiche Tour und werfen vom Dach einen Blick in das weite Land Lo. Nach Erledigung aller noch erforderlichen Formalitäten folgen wir dem Bett des Kali Ghandaki. Trotz des niedrigen Wasserstandes zwingt uns der Fluss zur Kletterei. Mit Goviandas, Nenas und Chabis Hilfe bewältigen wir ungesichert im alpinen Stil den 3. Schwierigkeitsgrad durch eine Felswand, nicht sehr hoch aber drunten gurgelt wild brausendes Wasser. Die Landschaft wird immer wüstenhafter, als wir anschließend zu einem kahlen, braunen Bergrücken hinauf steigen. Dort angekommen eröffnet sich ein phantastischer Blick. Tief eingebettet in zernagte, mit bunten Gesteinschichten durchzogene steile Wände windet sich der Dhingklo Kola dem Kali Ghandaki entgegen. Oberhalb des Zusammenflusses liegt auf einer Terrasse die grüne Oase Tangbe. Ein komplexes Bewässerungssystem versorgt die Felder mit Wasser. Erst hinunter in den Canyon und dann auf einem staubigen Pfad wieder hinauf erreichen wir den Ort. Am Wegesrand stehen die landestypischen Chörten. Die kleineren, immer drei zusammen, in den Farben blau, rot und weiß, den Farben der Sakyanpa, einer buddhistischen Rotmützenschule aus Zentraltibet.

 

 

Unter Leitung Shivas hat die Küche mit Raj, Beeg und Kamal bereits für unser leibliches Wohl gesorgt. Hier in einem mit brusthohen Mauern umgebenen Hof sind wir von neugierigen, aber keineswegs aufdringlichen Kindern und einigen Frauen aus dem Dorf umringt. Wir sind eine Abwechslung im alltäglich Ablauf der einheimischen Bevölkerung.

 

Zu gut gesättigt folgen wir dem Pfad auf und ab in Richtung Chhusang. Dort betreten wir wieder das Kiesbett des Kali Ghandaki, dessen Tal sich nun verengt. Beidseitig erheben sich atemberaubende Wände in allen nur erdenklichen erdenden Farben. Am Talende, eingeschlossen von hohen roten, erodierten  Felswänden, schäumt das Wasser durch die enge Schlucht. Noch einmal geht es steil hinauf nach Chele (3.050 m). Wie ein Wächter liegt es auf einer Kanzel. Weit geht der Blick zurück nach Süden wo Annapurna, Nilgiri & Co hinter dunklen Gewitterwolken verborgen bleiben. Es ist  recht kühl geworden. Nach einem Rundgang durch das Dorf ist der Platz im Nebenzimmer des Gasthauses recht angenehm. Die Zelte sind im windgeschützten Hof aufgebaut. Inzwischen ist ein Gruppe aus Amerika eingetroffen. Die Familie(n) mit Großvater und Kindern unternehmen diese Tour hoch zu Ross und haben die verfügbaren Zimmer des Gashofes belegt.

 

 

24. Tag - 10.04.2008

 

Sonnenschein, strahlend blauer Himmel. Über einen sandigen Bergrücken steigen wir auf. Oberhalb eines tief eingeschnittenen Tal führt uns Naina in vielen Serpentinen durch ein Felslabyrinth bis hinauf zum ersten Pass dieses Tages, den 3.624 m hohen Taklam La. Ein herrliches Panorama entlohnt für die Anstrengungen. Im Gegenlicht die glitzernde, vereiste Kette des Himalaya. Im Norden eine hüglige braune Wüste, übersät mit unzähligen Dornenbüschen und durchbrochen durch tiefe Taleinschnitte, den „Govinda-Fallen“, auf die ich noch zu sprechen komme. Wie überall in der tibetischen Welt markiert ein vom Winde zerfledderter Bündel Gebetsfahnen (Lhatse) jede Passhöhe. Nachdem auch unsere mitgebrachten Gebetsfahnen im Winde flattern, die aufgedruckten Mantras Faden für Faden zu den Göttern hinauf getragen werden, geht es wie im Gebirge üblich, erst einmal weiter hinauf zum 100 m höher gelegenen Dajori La und dann bergab nach Samar (3.660 m). Früher ein Ort mit Kloster und Festung besteht dieser nur noch aus ein paar einsamen Häusern. Trotzdem ein gemütlicher Platz zur wohlverdienten Teepause.

 

Danach kämpfen wir uns durch die erste der bereits oben erwähnte „Govinda-Falle“. Den etwa 200 m tiefen Abstieg zum Bachlauf des Samarkyung folgt ein steiler felsiger Aufstieg. Etwas ebener verläuft der Weg zum Bhena La (3.838 m). Kurz hinter diesem Pass hat unser hervorragendes Küchenteam vorgesorgt. Erst kommt uns einer der Küchenjungen mit warmen Orangensaft entgegen. Flüssigkeit nachtanken ist in dieser Situationen überlebenswichtig bevor wir kurz darauf in Bhena zur Mittagspause rasten.

 

 

Gut gestärkt gehen wir den Yamda La (Soi Pass) mit 4.000 m an. Und wieder liegt ein langer Taleinschnitt vor uns. An dessen Ende der steile Abstieg zum Bachlauf des Bhena Khola und von dort steil hinauf. Geschafft, welch eine Aussicht vom Pass. Im Süden die vergletscherten Gipfel das Annapurna Ranges. Gen Norden die schier unendliche Hügellandschaft, an dessen Horizont die Grenze zu Tibet sichtbar wird. Da der Abstieg nach Syangboche (3.770 m) recht kurz ist, verweilen wir hier oben einige Zeit unter im heftigem Wind knatternden Gebetsfahnen. Kontinuierlich bläst der inzwischen kühle Wind aus Süden. Dagegen schützen nur Pudelmütze und Anorak. Gegen die gleißende Sonne Sonnenbrille und Sonnencreme mit mindestens Faktor 20.

 

In Syangboche eingetroffen, sind die Amerikaner mit Kind und Kegel schon vor Ort. Sie haben den bequemen Weg mit ihren Pferden unterhalb der Pässe gewählt. Syangboche ist eigentlich nur eine Pferdestation. Wir übernachten in unseren Zelten.

 

25. Tag - 11.04.2008

 

Kurz vor 8 Uhr stehen wir bereits auf dem Syangboche La (3.850 m). Dort oben grüßt ein mächtiger Chörten. Diese kulturellen Bauwerke werden wir entlang unserer Route noch des öfteren antreffen. Auf dem viereckigen Sockel sind jeweils paarweise die 8 buddhistischen Glücksymbole, die man auch im Hinduismus findet, als Reliefe dargestellt. Darauf ruht der von den vier Welthütern bewachte Himmel der Götter in Form eines viereckigen Aufbaus. Auch hier kennzeichnen die roten, weißen und dunkelblauen Farbbänder es als Heiligtum der Sakyanpa. Schaut man nach Süden, so zeigt sich das Annapurna von Annapurna I bis zum Tilitso. Über die unendliche Weite gen Norden liegt tief unten im Tal die grüne Oase Geling.

 

Wir nehmen den oberen Weg. Gestern haben die Wahlen zum neuen Parlament in Nepal stattgefunden. Eine Gruppe Wahlbeobachter aller Parteien kommt uns mit den Urnen der Stimmzettel auf dem Weg nach Jomsom, der Distrikt-Hauptstadt Mustangs, entgegen. Auf der vor uns liegenden Hügelkette zeichnen sich die langen Serpentinen der im Bau befindlichen Straße nach Lo Manthang ab. Durch eine steinige, sandige und verdorrte Landschaft steigen wir noch den alten Karawanenweg hinauf. Wir stehen auf dem 4.012 m hohen Nya La. Pause, dieses landschaftliche Panorama genießen, abschalten, meditieren. Die Gedanken verschmelzen mit der Unendlichkeit über die Weite des tibetischen Hochlandes hinaus.

 

 

Bis hinunter nach Ghemi (3.530 m) zieht sich der Weg. Dazwischen befindet sich der leicht zu überwinde Ghemi La. Trotzdem sind wir durch Hitze und Staub ausgedorrt und froh, als einer unserer Küchenjungen am Dorfeingang mit erfrischendem Getränk auf uns wartet. Unter der gewaltigen Kulisse steil aufragender erodierter Felswände liegt die Siedlung. Am Dorfeingang stehen Mandarinenbäume in voller Blüte. Vorbei an Manimauern, Gebetsmühlen und Chörten ereichen wir das Zentrum. In einer schmalen Gasse kehren wir in ein typisches tibetisches Gasthaus ein. Das Küchenteam hat im Innenhof bereits das Mittagessen vorbereitet. Das Gastzimmer in der ersten Etage ist über eine innen rundum verlaufenden Balustrade erreichbar. Eine steile Treppe weiter hinauf und man steht auf dem Dach. Angenehm ist die Kühle im Gastzimmer. Die Hausherrin entführt mich in ihre Schatzkammer, eine wahrliche Fundgrube mit teilweise außergewöhnlichen Handwerksarbeiten: Schmuck, Figuren aus Holz und Metall und so vieles mehr. Die Preise sind jenseits von Gut und Böse. Die Zeit zum Handeln ist zu kurz, denn wir müssen weiter.

 

Wir verlassen die Hauptroute, die nach Charang führt und folgenden dem Pfad nach Norden. Dhakmar (3.820 m) ist das Ziel. Gewaltige, schroffe Felsformationen erheben sich vom Talboden. Die gewaltigen Wände spiegeln die Urzeiten unserer Erde wieder. Die hier sichtbaren Segmente und Farben vom tristen Grau bis zum dunklem Rot sind Zeugen einer Millionen Jahre alten Erdgeschichte. In diesen steil aufragenden Wänden befinden sich stellenweise zahlreiche Höhlen, die heute unerreichbar scheinen. Vermutlich handelt sich um die ersten Siedlungen der Urbevölkerung, als die Täler noch nicht so tief ausgewaschen waren. Parallel einer roten Felswand, die wie die Insel Helgoland empor ragt, verläuft der Weg nun relativ eben. Doch die Beine werden nach diesem langen und recht anstrengenden Tag immer schwerer. Am Dorfeingang begrüßt uns eine Schar fröhlicher Kinder. Noch ein paar Steinstufen hinauf und wir sind am Ziel. Uns allen steht ein gemütlicher Gastraum zur Verfügung. Wir sind die einzigen Gäste und verbringen gemeinsam mit der Familie einen fröhlichen Abend, bis wir doch recht früh ins Bett fallen. Aus dem Radio werden die ersten Ergebnisse der Wahl bekannt gegeben. Die Maoisten auf dem Lande gewinnen ein Direktmandat nach dem anderen. Enttäuschte Gesichter bei Govinda und Co.

 

 

Zum Aufenthalt in Gasthäusern noch ein Hinweis: Die Toiletten befinden sich im 1. OG. Das Örtchen, welches in Dhakmar nur durch eine sehr niedrige Tür, eher einem Fenster, zu betreten ist, besteht aus einem leeren Raum mit einem einzigen Loch in der Mitte. In dieses hat man nun hinein zu zielen. Alles unter Abwägung der geometrischen Sitz-/Hockposition, dem persönlichen inneren Gasdruck und der Konsistenz der Masse. Da diese klimatisch und essensbedingt bei uns Europäern von der Norm (DIN, EN, ISO?) abweicht, ist die Trefferquote sehr schlecht. Während sonst ein Eimer Wasser zur Bereinigung des Problems zur Verfügungen steht, steht man hier hilflos im kahlem Raum. Zum Glück bereinigen die Mannen unseres Teams diese Situation.

 

26. Tag - 12.04.2008

 

Es ist noch nicht einmal 12 Uhr. Im Sonnen- und Windschatten der Ghar Gompa (3.934 m) relaxen Thomas und ich. Hören Musik und träumen vor uns hin. Nach zwei recht anstrengenden Etappen ist heute Ausruhtag. Der 4.170 m hohe Mui La liegt hinter uns. Naina umrundet weiterhin die im 8. Jahrhundert erbaute Gompa, dreht die Gebetsmühlen und murmelt als frommer Buddhist seine Gebete (Mantras). Ein wahrlich gemütlicher Platz. Die Zelte sind im Innenhof aufgebaut. Ein alter Nomade schaut samt Pferd vorbei. Der Herr der Schlüssel ist gefunden und wir dürfen den Tempel mit seine kulturellen Schätzen betreten. Was nutzt jede Beschreibung des Gesehenen und dem Erlebten? Worte bleiben Worte, alles andere muss man selbst erleben.

 

 

Die Sonne versinkt hinter den Bergen. Noch ist der Himmel über uns azurblau (königblau!), doch die gefühlte Temperatur geht in den Keller. Die richtige Zeit in den Schlafsack zu kriechen.

 

27. Tag - 13.04.2008

 

Happy New Year und Schalke 04. Der Reim stimmt. Govinda erscheint zur Feier des Tages im kompletten S04 Outfit. Ich passe mich an und so begrüßen wir das nepalische Jahr 2065. In Nepal ist dieser Tag der offizielle Beginn des neuen Jahres, welcher ausnahmsweise vom Sonnenkalender abhängt.

 

Vor uns liegt der 4.360 m hohe Pass, Marang oder Chogo La genannt. Hinter diesem befindet sich die sagenumwobene Stadt Lo Manthang, Sitz des letzten autonomen Königs im Himalaya. Nach Überquerung eines recht tief gelegenen Bachlaufes (Charang Kola), einer moderaten „Govinda-Falle“, geht es beständig zwischen kargen Hügeln bergan. Nach etwa 2 Stunden stehen wir auf dem höchsten Punkt unserer Tour. Nach Norden die schier unendliche Weite, ein malerisches Spiel von Licht und Schatten über braune Hügel hinweg. Im Süden eine weiße Mauer, gegen die ununterbrochen dunkle Gewitterwolken anstürmen, ohne jegliche Chance, uns in dieser Jahreszeit zu erreichen. Die Lopas sind in Mustang glücklich, wenn zur Zeit des Monsuns einige Schauer das karge Land mit Wasser versorgen.

 

 

Der Abstieg vom Pass scheint kein Ende zu nehmen. Fast eben verläuft der steinige Weg schließlich durch eine Senke. Vereinzelt stehen verfallenen Chörten, Manimauern und Ruinen ehemaliger Siedlungen und Festungen am Wegesrand. Es ist eine trostlose, verlassene und ausgedörrte Gegend. Unser Blick wird von den vergletscherten Gipfeln des Mustang Himal angezogen. Drei 6.000er markieren die Grenze zu Tibet. Die höchste Erbebung ist der 6.480 m hohe Dongmar.

 

Endlich, drunten im Tal erkennen wir das Rechteck des Königsitzes Mustangs, Lo Manthang. Die mittelalterliche Stadt ist von einer 7 Meter hohen Mauer umgeben. Gleich einer Festung liegt sie mit Wachtürmen an jeder Ecke in der weiten Ebene Mönthang, die Ebene der Sehnsucht. Um zum einzigen Tor der Stadt zu gelangen, müssen wir die Stadt fast vollständig umrunden. Beidseitig des breiten Weges befinden sich hinter brusthohen Steinmauern sowohl Stallungen für das Vieh als auch Wohnhäuser, die Schule und ein Kindergarten. Entlang einer Reihe Gebetsmühlen, drei hoch aufragenden Chörten, die restauriert werden, stehen wir unvermittelt vor dem Stadttor. Direkt gegenüber dem Königpalast und drei Souvenirläden befindet sich neben dem Touristeninformationsbüro (mit Internetanschluss) das Gasthaus „Lo Manthang“. Hier beziehen wir auf dem Dach des Hauses unser Zimmer. Um den typischen Innenhof befinden sich recht verwinkelt einige Anbauten. Dort sind Govinda, Naina, Chabi und das Küchenteam untergebracht, welches auch hier für unser allen leibliches Wohl sorgen wird.

 

 

Unten im Innenhof gönnen wir uns eine Dusche. Mit der Schöpfkelle spülen wir den Staub der letzten Tage von der Haut. Die durstige Kehle erfreut sich eines kühlen Bier der nepalischen Marke „EVEREST“, welches wir dem chinesischen LHASA-Bier bevorzugen. Den Nachmittag verbringen wir auf dem Dorplatz direkt vor unserer Unterkunft. Bis die letzten Sonnenstrahlen hinter dem Dach des Palastes verschwinden, sitzen wir mit den hier versammelten Bewohnern beisammen. Ältere Frauen spinnen Wolle geschickt zu Fäden und behüten dabei ihre Enkel. Nebenan am Brunnen wird Wäsche gewaschen.

 

28. Tag - 14.04.2008

 

Der heutige Tag steht vollständig für Besichtigungen in und um Lo Mantang zur Verfügung. Nach einem ausgiebigen Frühstück auf dem Dach, begeben wir uns in das Gewirr der engen Gassen. Lo Manthang hat sein Gesicht als mittelalterliche Stadt über die Jahre hinweg gewahrt. Die Stadt innerhalb der Mauern erstreckt sich auf etwa 300 x 150 Meter mit ca. 200 Häusern. Daraus ragen vier Gebäude heraus. Der erwähnte Königpalast, und die drei Klöster Thubchen, Jampa und Chöde. Das größte Kloster ist Thubchen, gegründet im Jahre 1412 durch König Chhang Chen Tashi Gon. In der großen, dunklen, Versammlungshalle, dessen Dach von hölzerner Säulen getragen wird, haben sich einige Mönche zur morgendlichen Puja versammelt.  Der Rundgang (fotografieren ist, wie auch in den anderen Klöstern nicht erlaubt) führt zu der gewaltigen bronzenen Figur von Buddha Sakyamuni, der hier besonders verehrt wird. Zu seinen beiden Seiten befinden sich Bodhisattva, der Barmherzige und der Buddha der Zukunft Maitreya. Von großer tibetischer Kunstfertigkeit zeugen die Fresken an den Wänden. Wir befinden uns in einer wahren Schatzkammer, die vom früherem Glanz und Prunk zeugt. Die älteste Gompa ist Jampa, 1387 erbaut durch König Amapal. Diese Anlage beherbergt wunderschöne Wandmalereien mit Mandalas. Ein großes Bild bis hinauf in die erste Etage zeigt Jhampa Cheenpo. Mit der Tempelwärterin, die uns Einlass gewährte, steigen wir auf das Dach hinauf. Dort haben wir einen wunderbaren Rundblick über die Dächer der Stadt, die alle gleich hoch sind. Mauern und aufgeschichtetes Brennholz umrahmen die flachen Dächer. An jeder Ecke flattern Gebetsfahnen an langen Ruten, die das Böse abhalten sollen. Einmal im Jahr werden diese erneuert und von einem Mönch feierlich geweiht. Im Norden befindet sich das neue Kloster Chöde, welches von Mönchen bewohnt wird. Hier vergnügt sich eine Gruppe Klosterschüler (Novizen) beim Karten spielen. Am Nachmittag finden wir unsere Mannen ebenfalls beim Zocken vor.

 

Nach der Umrundung von Lo Manthang, dem Besuch eines Kindergartens verweilen wir bis zum Sonnenuntergang wieder mit den Einheimischen auf dem Dorfplatz. Das kleine Album mit Bildern meiner Familie erleichtert, wie schon des öfteren, den Kontakt zur freundlichen aber gegenüber Fremden zurückhaltenden Bevölkerung. Das Album nimmt seine Runde und Bilder erklären sich meist von allein. Man zieht Vergleiche, Eltern, Opa, Oma, Enkel.

 

 

Der Besitzer des Gasthauses ist ein Bruder des Königs. Stolz zeigt er uns seine Sammlung ausgewählter ritualer Gegenständen, Figuren und Schmuck. Ein als Relief geschnitztes Mandala und ein Buddha fallen mir sofort auf. Gerne würde ich beides kaufen, aber die Anfangspreise sind mit 1.000 EUR für das Mandala und 500 EUR für den Buddha einfach zu hoch. Im Laufe des Abend einigen wir uns für das Buddha-Relief auf 150 EUR. Da die Zahlung per Kreditkarte abgewickelt werden kann, ist der Handel perfekt.

 

Die Maoisten haben etwa 2/3 aller Direktmandate gewonnen. Erreichen sie die absolute Mehrheit? Bei einigen ist Stimmung sehr bedrückt.

 

29. Tag - 15.04.2008

 

Gut ausgeruht beginnen wir den Rückweg auf dem Haupt-Trekkingweg, der überwiegend bereits als Straße ausgebaut ist, zur Zeit aber noch ohne jeglichen Verkehr. Auf dem Lo (Day) La, 3.950 m hoch, nehmen wir endgültig Abschied von Lo Manthang. Gleich einem Modell in einem überdimensionalen Sandkasten liegt die Stadt zu unseren Füßen. Weit reicht der Blick hinüber bis nach Tibet. Nun geht es beständig gerade aus. Govinda und ich verfallen in einen schnellen Gehtakt, so dass uns Thomas fragt, ob wir den nächsten Bus an der kommenden Haltestelle nicht verpassen wollen. Unterwegs schaut für kurze Zeit auch der Dhaulagiri über die fast dünenähnlichen, mit Dornenbüschen durchsetzten, Sandberge hinweg. In Sundala, einer aus 3 Häusern bestehenden Siedlung kehren wir zur Teepause ein. Als Naina schließlich mit chinesischer Offiziersmütze auf dem Kopf auftaucht, wissen wir, China ist nicht weit. Hinter dem Haus, in einer steilen Felswand finden sich einige Höhlen, ehemals Behausungen der Ureinwohner, wie vermutet wird. Weiter trabt es sich leichten Fußes bergab. Mitten in der Einsamkeit steht ein gewaltiger Chörten vor schneeweiß in der Sonne gleißender Kulisse des Himalaya-Kamm. Auf dem quadratischen Sockel befinden wie immer paarweise die acht Glücksymbole. Drüber erhebt sich auf vier Stufen die Kuppel der Stupa. Buddha blickt über das rechteckige Holzdach hinweg und oben endet das Bauwerk wie gewöhnlich mit dem Pyramidenaufbau aus 13 runden Tonscheiben mit dem Gajura darüber.

 

Wir sind nicht mehr überrascht, das wir kurz vor Tsarang in die tiefe Schlucht des gleichnamigen Flusses zum fast ausgetrockneten Flussbett hinabsteigen müssen und auf der anderen Seite wieder aufsteigen müssen. Nach Überwindung dieser „Govinda-Falle“ kehren wir zur verdienten Mittagpause ein. Früher war der Ort Tsarang hinsichtlich Macht und Reichtum mit Lo Manthang vergleichbar. Das verwaiste Kloster und der verfallene Königpalast sind stumme Zeugen der Vergangenheit.

 

Durch einen gewaltigen Tor-Chörten mit alten prächtigen Malereien an den Seitenwänden und der Decke verlassen wir den Ort auf einer breiten gepflasterten Straße, die beidseitig von hohen Mauern eingefasst ist. Vor uns liegt der Tsarang La (3.980 m). Ein heftiger, Staubfahnen aufwirbelnder Wind bläst uns entgegen. Pünktlich zur Mittagzeit setzt der kontinuierliche Wind aus Süden ein. Auf den Pässen erreicht er zeitweise Geschwindigkeiten bis zur Orkanstärke. Bisher hatten wir Rückenwind, nun müssen wir dagegen ankämpfen. Gegen den feinen Staub schützen die nun vor Mund und Nase gezogenen Halstücher. Der Pass wird sozusagen erstürmt. Von hier ist uns ein Rückblick in eine schier unendliche Weite gegönnt. Die karge Landschaft ist unter den aufkommenden Wolken ein Spiel von Licht und Schatten. Nachdem Govinda, Chabi und Naina mit vereinten Kräften den umgefallenen Gebetsfahnenmast (Lhatse) wieder aufgerichtet haben, geht es ca. 500 Höhenmeter steil hinunter nach Ghemi. Unter uns liegt eine mythisches Landschaft. Die dunkelroten Felsen stammen vom Blut eines mächtigen Dämonen und die längste Manimauer in Mustang von seinen Gedärmen. In vorbuddhistischen Zeiten hat der aus Indien kommende Religionsgelehrte Padmasambhava den Dämonen getötet und in Stücke gerissen, so die Geschichte.

 

 

Vorbei am neu erbautem Hospital überqueren wir, wie vor einigen Tagen, den Ghemi Khola und kehren in das Gashaus ein, wo wir auf dem Hinweg zur Mittagpause rasteten.

 

30. Tag - 16.04.2008

 

Auf bekannten Wege geht es wieder zurück. Noch einmal über den Nya La und Syangboche La ereichen wir zu Mittag Syangboche. Heute sind wir die einzigen Gäste. Der einsetzende Wind treibt uns beängstigend schwere Regenwolken entgegen. Die Sonne ist verschwunden, der Wind wird unangenehm kalt und zieht die Wärme aus dem Körper. Pullover, Anorak, Pudelmütze und Karputze schützen vor der Kälte. Bis nach Samar sind noch 3 Pässe zu meistern. Die Pferdestation Bhema liegt schon direkt vor uns. Doch niemand hat mehr die lange und tiefe Schlucht des Bhema Khola in Erinnerung. Statt den erwarteten 10 Minuten, sind wir gut 1 Stunde unterwegs. Ebenso vergessen sind auch die beiden „Govinda-Fallen“ über den Ihuwa und Samarkyung Khola kurz vor Samar.

 

Endlich nach 9 Stunden, vom Regen sind wir verschont geblieben, kehren wir in Samar in einen urgemütlichen Gasthof ein. Beziehen dort ein riesiges Zimmer und haben uns ein kühles Bier redlich verdient. Der Abend klingt in der Küche mit Gesang und Tanz erst zu später Stunde aus.

 

31. Tag - 17.04.2008

 

Bereits um 11:30 Uhr haben wir Tetang (3.050 m), unser heutiges Etappenziel, schneller als geplant  ereicht. In Chele hatte Govinda erstmals wieder telefonische Verbindung mit Kathmandu, dann ging es hinunter in das Kiesbett des Kali Ghandaki und in Chhusang hinauf nach Tetang. Unsere Zelte sind direkt unterhalb eines Chörten und einer Manimauer am Ende des Dorfes aufgebaut. Entspannen, ausruhen und genießen ist die heutige Devise. Morgen steht uns zum Abschluss der Tour noch ein hartes Stück Arbeit bevor: 1.000 Höhenmeter zum Gyu La, dem Pass nach Muktinath. Am Abend gilt es aber erst unseren Muli-Mann zu verabschieden, der morgen früh mit dem Großteil unserer Ausrüstung direkt nach Kagbeni ziehen wird. Wieder ein Grund, die Gläser bei Gesang und Tanz klingen zu lassen.

 

 

32. Tag - 18.04.2008

Frühzeitig um 7 Uhr brechen wir auf. Schnell durchqueren wir die grünen Felder und die kleinen Plantagen mit blühenden Apfelbäumen und steigen entlang einiger Manimauern, in denen zahlreiche Gebetsmühlen eingelassen sind, an Drillingen der verschiedenfarbigen Chörten aufwärts. Hinter uns ragt die zernagte, mit bunten Gesteinsschichten durchzogene Felswand auf, die mit unerreichbaren Höhlen durchlöchert ist. Plötzlich stehen wir auf einem Plateau mit einem kleinen See. In seinem Wasser spiegeln sich die erodierten Felssäulen ähnlich einem Gebiss. Eine recht steile Stufe ist zu überwinden bis es wieder etwas gemächlicher bergan geht. Auf stellenweise recht rutschigen Abhängen mit feinen lockerem Geröll folgen wir dem Bett des Dhingklo Khola hinauf. In einer etwas windgeschützten Talmulde finden wir einen Platz zur Rast. Das Küchenteam sehen wir in der Ferne voran schreiten. Mit uns sind neben Govinda Chabi und Naina unterwegs. Sämtliche verfügbaren Trinkflaschen sind für uns gefüllt. Die Drei stillen ihren Durst mit kristallklarem Gebirgswasser, welches für unseren empfindlicheren Organismus nicht empfehlenswert ist. Ja fast vergessen, Mike unser Träger gehört ebenfalls zur Gruppe.

 

 

Thomas informiert uns ständig über die aktuelle Höhenlage. 3.800 m, 3.900, der große Steinhügel oben auf dem Pass ist schon zu erkennen. Dann stehen wir auf dem letzten Höhepunkt unserer Tour, dem 4.077 m hohen Gyu La. Dort oben wird der uns schon lange entgegen pfeifende kalte Wind noch heftiger. Für das gewaltige Panorama von Tukuche, über Dhaulagiri zu den direkt vor aus aufragenden Wänden des Annapurna Massiv nimmt man sich trotz der widrigen Umstände Zeit. Auch das letzte Band Gebetsfahnen wird gemeinsam festgezurrt, die der Wind uns fast aus den Händen gerissen hätte.

 

Gemütlich geht es abwärts nach Muktinath. Über dem Annapurna baut sich eine mächtige Wolkenfront auf. Im Süden muss es wohl wieder fürchterlich regnen, denn die Wolken lösen sich in Kürze wieder auf. Vor Muktinath, erwartet uns die letzte „Govinda-Falle“. Dann betreten wir Muktinath. Mein letzter Besuch liegt 8 Jahre zurück. Vieles hat sich geändert. Neue Hotels sind gebaut oder erweitert worden. So auch die North Pool Lodge in der wir 2001 übernachteten. Heute ziehen wir in das gegenüber liegende Nilgiri View Hotel ein.

 

Wir nehmen Abschied von Naina und Shiva mit seinem Küchenteam, die morgen mit Chabi nach Kagbeni absteigen werden, um die Formalitäten zu erledigen. Chabi wird jedoch im Laufe des Tages wieder zu uns zurück kehren. Es wird wie üblich zum Abschluss einer Tour gefeiert. Der Festkuchen wird serviert und Thomas, unserem Gast, fällt die Aufgabe zu, diesen anzuschneiden. Die Trinkgelder werden verteilt und schließlich endet der Abend mit Gesang und Tanz. „Resam Pi ri ri ...“.

 

 

33. Tag - 19.04.2008

Endlich, bei meinem dritten Besuch in Muktinath, kein Schnee- und Schauerwetter. Die Sonne strahlt als wir zum Tempelbezirk aufbrechen. Ein heiliger Pilgerort für jeden Buddhisten und Hindu, die meist von fern her anreisen. Hier treffen wir auch wieder auf einige Saddhus aus Indien, denen wir bereits an den ersten Tagen unserer Wanderung begegneten. Deren Ziel ist u.a. die Shiva-Pagode mit seinen 108 stierköpfige Wasserspeier aus denen sich das Wasser der heiligen Seen von Gosainkund im Langtang bzw. vom Manasarova See aus Tibet ergießt. Govinda nimmt das die Seele reinigende eiskalte Bad. Die Gompa mit dem heiligen Feuer wird von beiden Religionsgruppen gleichermaßen verehrt. Unter einem Altar brennt oberhalb eines natürlichen Wasserbecken das Feuer, gespeist durch eine ebenfalls natürliche Erdgasquelle. Die religiöse Bedeutung von Muktinath beruht auf der Kombination der Elemente Erde, Wasser und Feuer.

 

34. Tag - 20.04.2008

 

Der unvermeidliche Abstieg nach Jomsom steht bevor. Die öde neu erbaute Straße, gespickt mit Safari-Jeeps und Mopeds lässt sich nicht vermeiden. Des weiteren sind auf der Piste einige Trekker-Karawanen, die vom Thorong La, der Umrundung der Annapurna, kommen oder die nur bis nach Muktinath wanderten, unterwegs. Auf halben Wege können wir endlich nach Eklobhatti abzweigen. Kurz hinter dieser Abzweigung blicken wir noch einmal weit über Kagbeni hinaus, in das grandiose Tals des Kali Ghandaki nach Mustang.

 

Gegen Wind und Staub ankämpfend erreichen wir Jomsom und warten auf den morgigen Flug zurück nach Pokhara.

 

35. Tag - 21.04.2008

 

5 Uhr, raus aus den Federn! Um 7 Uhr starten wir zum 20-minütige Flug mit der Gorka Air nach Pokhara. Während uns der Nilgiri noch im morgendlichen Sonnenschein begrüßte, landen wir im feucht-warmen Dunst. Selbst im Laufe des Tages schafft es die Sonne nicht, diesen aufzulösen. Keine Berge und auch der Phewa-See verschwindet im grauen Nebel. Es gibt nichts zu sehen und nichts zu tun. So vertrödeln wir den Tag bis zum Abend. Dann treffen Chabi und Mike ein, die mit Jeep und Bus von Jomsom zurück gekommen sind und inzwischen den Rücktransport der Campingausrüstung nach Kathmandu organisiert haben. Morgen werden wir vier gemeinsam nach Kathmandu zurück fahren. Thomas wird noch ein paar Tage in Pokhara bleiben.

 

36. Tag - 22.04.2008

 

Wie befürchtet bleibt es dunstig und schwül. Die Fahrt geht zügig voran. Doch sitzen wir, wie üblich, am letzten Berg vor Kathmandu im Stau fest, dann noch einmal am Ortseingang. Durchgeschwitzt und recht müde von der Hitze ereichen wir das Büro. Da noch bis 18 Uhr Strom verfügbar ist, werfe ich noch einen Blick in den Posteingang der Emails. Wichtiger jedoch ist es, die vielen Bilder auf der Festplatte zu sichern.

 

Am Abend ziehe ich erstmals in das „International Guesthouse“ ein. Ein praktischer Test, um Vergleiche zu unseren Standarthotels Manang und Samsara ziehen zu können. Mein Zimmer ist klein aber fein. Das Bad ist neu. Als Einzelzimmer zu empfehlen, zu Zweit wird es eng. Es fehlt der Platz für die Koffer und ein Kleiderschrank ebenso.

 

Zum Abendessen kehre ich in den Delima Garden ein. Endlich ein richtig gutes Steak, im Vergleich zu den „Schuhsolen“ in Muktinath und Jomsom.

 

37. bis 41. Tag - 23.04. bis 27.4.2008

 

Diese letzten Tage vergehen mit üblicher Büroarbeit. Ärgerlich ist, das zwischenzeitlich weder die Möbel noch die Holzfiguren wie versprochen fertig gestellt sind. In Kathmandu wird es immer heißer. Zur Mittagzeit kann man nur in den Schatten flüchten. Hier bietet der Garten des „International Guesthouse“ einen idealen Platz. Am Abend des 26.04. habe ich zur Abschiedsfeier alle Familienmitglieder in den Delima Garden eingeladen. Prasanta stellt nun endlich seine neue Frau Laxmi vor.

 

 

Die Maoisten sind die mit etwa 200 von 600 Sitzen die stärkste Partei im neu gewählten Parlament Nepals.

 

Tags darauf können wir endlich die geschnitzten Figuren von Krishna und Laxmi aus Patan abholen und die Möbel werden geliefert. Dann noch einmal Aufregung. Für Kunden, die ihre ursprüngliche Reise zum Kailash Tibet nach Bhutan umgebucht haben, fehlt das Visum für Bhutan. Beate ist telefonisch nicht erreichbar. Schließlich gelingt es über Handy. Am Abend trifft das Visum per Fax ein. Beruhigt gehen Govinda und ich zum Abschiedessen mit Thomas, der heute aus Pokhara zurück gekommen ist.

 

42. Tag - 28.04.2008

 

Zur Mittagzeit sind endlich die Versandpapiere für die Möbel fertig gestellt. 4 Kisten mit insgesamt 278 kg werden im Laufe dieser Woche ihre Reise nach Gelsenkirchen antreten. Ein letztes Mal zum Barbier, um möglichst glatt rasiert nach Hause zu kommen. Der Koffer ist gepackt und sicherheitshalber von Chabi und Govinda 2 auf nepalische Art verschnürt.

 

Alle Familienmitglieder begleiten mich zum Flughafen. Nur mit großer Mühe, gelingt es, dass alle bis vor den Eingang "Abflug" fahren dürfen. Good Bye, Namaste, Auf Wiedersehen. Anfang August wird Govinda zu uns nach Gelsenkirchen kommen. Im Oktober werde ich bereits wieder in Nepal sein.

 

Zum 2-monatigen Urlaub treffe ich am 29.04. pünktlich zum zweiten Frühstück zu Hause ein. Glücklich kann ich Dorlis, die Kinder uns insbes. meine Enkel Lara und Nick wieder in die Arme schließen.

 

Gleich nach der Fußball Europameisterschaft beginnt wieder die Arbeit.

Am 30.06. fliege ich mit 8 Kunden nach Delhi. Ladakh ist unser Ziel.